Frühling in Kanada

„Frühling in Kanada“, das klingt verlockend, das klingt nach Frühling in Wien, nach Frühling in Paris, oder einfach nur nach löwenzahnbedeckter Frühlingswiese. Es klingt nicht nach bergauf Wandern, geschweige denn bergauf Radfahren. Frühling in Kanada klingt nach weiten Wäldern mit Bärenfellmütze, nach dunklen Seen mit sich kräuselnder Oberfläche, aus der immer wieder mal ein Fisch springt. Springtime, printemps, jaro, bergauf geht’s im Frühling.

Wir sind im jaro, im Frühling, wir sind in Kanada, nicht dort, wie uns der vielversprechende Werbetext von Hien weismachen will, sondern in Böhmisch Kanada. Eine einsame Gegend ist das in Tschechien, 80km östlich von Budweis, mit weiten Wäldern und dunklen Seen, mit mächtigen Burgen und hungrigen Bisons und vor allem mit berauf Radlstrecken. Wir, das sind Katrin, Natalie und Nina von der FOS Gestaltung, Albert, Alex, Konstantin und Lukas von der  FOS Wirtschaft, dann die Lehrer Sonja Konen (Gestaltung) und Oliver Hien (Mathematik).

Wir machten uns Ende April auf den Weg nach Kanada, um „Eiserne Schüler“ zu werden, den Triathlon Wandern, Rad, Boot zu bestehen. Das heißt auf tschechisch  „železný student“ und ist ein Projekt des Jirsík-Gymnasiums Budweis zum Thema: Runter vom Sofa, raus in die Natur. Oder so: Man erfährt im besten Sinne des Wortes mit den drei Sportarten eine Gegend, lernt nebenher Kultur und Geschichte, Land und Leute kennen. Das Projekt fand zum 23. Mal statt und ist bei den tschechischen Schülern äußerst beliebt. 70 tschechische Schüler, 7 deutsche Schüler. Welches Verhältnis ist das? Wieviel Prozent? Wieviel Prozent sind die Tschechen mehr als die deutschen? Kann man das in Brüchen ausdrücken? Man merkt, auch die Mathematik kommt nicht zu kurz.

Am Freitag ging’s los von Jindřichův Hradec. Dort am Bahnhof liehen wir uns die Räder. Und das ist eine Besonderheit der tschechischen Bahnen, zurückgeben kann man sie an einem anderen Bahnhof, in unserem Fall nach vier bergauf- (nicht nur jammern, auch bergab) -Radtagen in Budweis. Aber zuerst bergauf ganze drei Stunden zu unserem Camp in Zvule entlang der alten Schmalspurbahn, die auch den Berg hochschnaufen muss. Hochschnaufen ist das Stichwort, bergauf Radfahren heißt schieben, Nina liebt auch ihr Fahrrad. Holzhütten, Lagerfeuer mit Gitarre (von Albert) und tschechischen Liedern bis 10 Uhr, Nachtruhe, die typische Abendgestaltung eines Schulausflugs.

Der nächste Tag brachte die Wanderung an den Bisons vorbei zur Burg Landštejn, ein mächtiges Bollwerk zur Sicherung der böhmisch-österreichischen Grenze erbaut im 13. Jahrhundert von Ottokar I.. Wie gesagt, nicht nur Sport tut dem Menschen gut, auch Geschichte und Kunst. Dafür hat man ja fachkundige Lehrer, Frau Konen zur Kunst am Bau, romanische Bögen, oder doch gotisch? Vom hohen Turm schweift der Blick über Wälder und Seen.

Slavonice am Sonntag, Renaissance in der Stadt, 25 km auf dem Rad, bergab und sehr bunkrig. Frau Konen steht vor der Sgraffito-Fassade und unter dem rosa blühenden Baum und erklärt die Renaissance. Deutsche Untertitel unter den griechischen Göttern zeigen die böhmisch-österreichische Geschichte. Aber selber machen ist das Gebot der Stunde, wenn Künstler unterwegs sind: Maříž ist ein Dorf weiter und ein Mekka der Keramik. Selbst die Scherben glasieren mit Motiven von Frühlingswolken bis Dadaismus, Albert ist der gleiche Künstler wie Natalie, Katrin und Nina. Aber auf dem Camp wartet schon das Schwein am Spieß, also zurück 25km und bergauf. War es das Schwein oder die Löwenzahnwiese? War es die abwechslungsreiche Radstrecke über Stein und Baum? Wie seltsam, bergauf hieß nicht mehr immer absteigen. Dass am Lagerfeuerabend (bis 10 Uhr, dann Nachtruhe) die Tschechen den Deutschen deutsche Lieder vorsingen mussten, soll nicht unerwähnt bleiben.
Montag früh gar keine Frühlingsgefühle: Eisiger Regen verringert die Vorfreude auf die Tagesetappe auf dem Rad nach Chlum beträchtlich. Regenkleidung ist für die ganz Harten auch nicht nötig, die haben sie vorsorglich zu Hause gelassen. Mülltüten mit Loch tun’s ja auch. Und eisiger Regen von vorne, auch gerne von der Seite. Aber „wat mutt, dat mutt“, mit dieser Einstellung radelt die Mülltütenschlange Kilometer für Kilometer gen Westen in die Karpfenzone Tschechiens. Zur Hälfte, in Nova Bystrice, Aufwärmen im Museum: Das Veteran Muzeum dort zeigt Amischlitten, Haiflossen und blitzenden Chrom, Begeisterung, „mit solchen Schlitten kann man Mädels abholen“, denkt sich Konstantin. Und Nina denkt sich „mit solchen Schlitten will ich abgeholt werden“. Zurück in die Zukunft, der DeLorean steht auch da. Am Abend Lagerfeuerabend (bis 10 Uhr, dann Nachtruhe).

Der Dienstag war eigentlich frühlingshaftem Bootfahren zugedacht in den Mäandern der Luznice. Nur wollte das immer noch regnerische Wetter die Booteslust nicht recht anstacheln. Und dann noch 35 km nach Budweis. Die Erleichterung in den Augen fiel nicht nur dem geschulten Blick auf, als wir uns zur Schmalspurvariante durchgerungen hatten: Wir steigen einfach in den nächsten Zug nach Budweis. Und der fuhr bergab.

Oliver Hien

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